Alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Der vierte Newsletter der Wrobelei, in welchem wir zeigen, dass Danger Dan seinen Tucho gelesen hat, die Presse schon immer voreingenommen war und Tucholsky bereits Clickbait kannte.

Rosen auf den Weg gestreut

I know, I’m late to the party: Für Aufsehen sorgte vor einigen Wochen der Musiker Danger Dan, vor allem bekannt als Mitglied der Formation Antilopen Gang. Wie in seinem Genre nicht ganz unüblich, geht er in seinem Song Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt explizit Führungsfiguren der Neuen Rechten an und spielt dabei mit Konjunktiven, ironischer Brechung und was die satirische Trickkiste sonst noch so hergibt.

Klar aus einer Position der Stärke heraus, scheint er juristische Auseinandersetzungen geradezu herauszufordern. Und ich bin sehr sicher, dass die auch folgen werden, diese Gelegenheit sich als Opfer des linken Mainstreams zu inszenieren, wird man sich nicht entgehen lassen.

Aufgefallen im Text ist mir dabei besonders folgende Passage:

Und angenommen, der Text gipfelte in ei'm
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befrei'n
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen

Rosen auf den Weg gestreut mit seiner Aufforderung Küsst die Faschisten ist ein bekannter, später Text von Tucholsky, entstanden kurz vor seinem öffentlichen Verstummen. Die ganze Bitterkeit, die ganze Resignation seines erfolglosen Kampfes spricht aus diesem Gedicht und bricht sich Bahn in grimmig-bösen Zeilen. Und auch wenn es sich um ein allgemeines Bild handelt: Danger Dan wird seinen Tucholsky gelesen haben und diese Zeile steht in seinem Song nicht zufällig, schon gar nicht in einem Text, der offensiv die Grenzen der Satire austesten will und erst recht nicht vor dem Hintergrund der Parole Küsst die Faschisten.

Für mich ist Tucholskys Text unauflöslich mit meiner politischen Biographie und mit dem Tod von Frank Böttcher verbunden.

Perspektivenvielfalt

Medienkompetenz wird gar nicht mal so selten auf das Wissen reduziert, welche Buttons auf digitalen Endgeräten zu drücken sind, um zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen. Allerdings hat TikTok-Videos aufrufen können mit Medienkompetenz so viel zu tun wie die Absatzformatierung in Word mit Informatik (auch wenn Schulen hier gerne das Gegenteil behaupten).

Tatsächlich aber ist Medienkompetenz eher das, was in den historischen Wissenschaften Quellenkritik genannt wird. Wer sagt was zu welchem Zweck? Mit dieser Leitfrage käme man schon recht weit.

Dieser Instagram-Beitrag aus dem Januar erinnerte mich an eine der besten Parodien Tucholskys. Im Text Was wäre wenn… von 1927 zeigt er eindrucksvoll die jeweilige Voreingenommenheit der Presse der Weimarer Republik. Seine Parodien, denen er das Gedankenspiel einer Wiedereinführung der Prügelstrafe zugrunde legt, lassen sich ganz wunderbar ohne vorherige Kenntnis der damaligen Presselandschaft lesen. Ich möchte sogar soweit gehen, dass sie sich hervorragend eignen, sie kennenzulernen.

Und um den Kreis zu schließen: Im Blog der Kurt Tucholsky-Gesellschaft hat Frank Burkhard Habel eine aktuelle Version veröffentlicht, gemünzt auf die Medienreaktionen zum Thema Impfen.

100 Jahre Clickbait

Die Aufmerksamkeit des bürgerlichen Zeitungslesers auf soziale und wirtschaftliche Kämpfe hinzulenken, ist fast nur noch möglich, wenn man mit einer Dosis ranziger Sentimentalität aufkocht. Ehrliche, sachliche Zahlen, trockenes Material wirken längst nicht mehr. Die Überschrift wirkt, die Überschrift, das Etikett, die Schablone, das Schema: mit ihnen amerikanisiert diese aufkommende Presse die Köpfe und die Geister.

Na, kommt euch das bekannt vor? Der noch junge Tucholsky1 schrieb dies 1914 in der Kulturzeitschrift März. In Die Überschrift beklagt er den erheblichen Ressourceneinsatz in journalistischen Medien für eine möglichst reißerische Überschrift, deren Versprechen durch den Inhalt dann gar nicht gedeckt wird.

Wie? ›Der Glaszauber‹? – Und nachher ist es ein Flaschenfabrikant, der allerlei Triviales über sein Geschäft erzählt. ›Der Schrei in der Nacht‹? Und das wird wohl das Pfeifen einer Lokomotive bedeuten, und daran anschließend macht es sich sehr hübsch, wenn man ein wenig über die Lohnforderungen der Eisenbahnarbeiter schwätzt. Wie? ›Der Glaszauber‹? – Und nachher ist es ein Flaschenfabrikant, der allerlei Triviales über sein Geschäft erzählt. ›Der Schrei in der Nacht‹? Und das wird wohl das Pfeifen einer Lokomotive bedeuten, und daran anschließend macht es sich sehr hübsch, wenn man ein wenig über die Lohnforderungen der Eisenbahnarbeiter schwätzt.

Das ist immerhin aber ja noch etwas mehr Inhalt, als so mancher Klickstrecke heute zu bieten vermag, aber das Prinzip wirkt vertraut. Sehr vertraut freilich wirkt auch der kulturpessimistische Grundton, der sich durch den Text zieht und eine leuchtende Vergangenheit beschwört, in der das alles viel besser gewesen sei.

Das schwingt ja schon überdeutlich im eingangs gewählten Zitat mit, findet sich aber im ganzen Text (so schreibt er bereits am Anfang seines Artikels Früher fragte man, wie eine Medizin wirke, heute, wie sie verpackt sei.) und wirkt heute besonders absurd, in der Tucholskys überbunte Gegenwart unsere goldene Vergangenheit ist. Es zeigt sich hier meiner Meinung nach sehr schön, dass Medienwandel (damals also das Aufkommen der Massenpresse) immer wieder zu denselben Phänomenen führt und sich gesellschaftliche Debatten darüber erstaunlich wenig unterscheiden. Denn nicht nur idealisieren wir heute den Journalismus früherer Jahrzehnte, der von Tucholsky hier heroisierte Journalismus fand seinerseits bei Zeitgenossen ebenso harsche Worte der Verdammung, es sei hier beispielsweise auf Balzacs Journalistenschelte verwiesen, die am Journalismus des 19. Jahrhunderts kein gutes Haar ließ.

100 Jahre lustige Übersetzungen

Übersetzungen sind eine sehr komplexe Angelegenheit. Das ist eine Binse, sollte man meinen. Tatsächlich wird die Kunst der Übersetzung aber viel zu wenig wertgeschätzt, auch wenn sich in den letzten Jahren vieles zum Besseren gewandelt hat und wir heute schon sehr viel mehr Sichtbarkeit für Übersetzer:innen erreicht haben. Der Weg ist freilich noch sehr weit (in diesem Zusammenhang: Die translationale Berlin als Festival der Literaturübersetzung kommt keineswegs zu früh und sei an dieser Stelle unbedingt und nachdrücklich empfohlen).

Die Versuche, fähige Übersetzer:innen zu umgehen, zeitigen dabei immer wieder äußerst komische Ergebnisse, wie der oben verlinkte Tweet beispielhaft zeigt. Ich denke bei solcherlei Beispielen immer wieder an einen der wenigen Texte von Tucholsky, die ich auch nach mehrfachem Lesen nicht laut vorlesen kann - ich breche früher oder später in Lachen aus. In Taschen-Notizkalender von 1928 beschreibt er einen mit vielen als nützlich gedachten Texten angefüllten Taschenkalender (die Älteren werden sich erinnern, bis zum Durchbruch des mobilen Internets war dergleichen sehr beliebt). Allerdings stimmte mit diesem etwas nicht:

Das Ding ist in deutscher Sprache verfaßt, unzweifelhaft – aber irgend etwas in der Druckerei muß feucht geworden sein: der Verfasser, das Papier oder der Setzer ... es ist eine Art Privatdeutsch.

Ich möchte euch nicht zu viel spoilern, um euch das Vergnügen nicht zu sehr zu rauben. Daher nur ein Auszug, ehe ich euch für heute mit diesem Lesetipp entlasse:

»Der am Bratspieß geröstete Lamm. Nimmt ein 1/4 Lamm« (man beachte die Subtilität der Gewichtsangabe!); »laßt ihm einige Stunden lang mit Öhl, Pfeffer, Salz oder einem Tropfen Essig ausruhen. Durchbohrt ihm da und dort mit einer Messerspitze. Zieht ihm auf den Brandspieß mit einem Ästchen Rosmarin, und schmiert ihm öfters mit der obgenannten Flüssigkeit, bis er gekocht ist. Bevor ihn zu servieren nimmt das Ästchen Rosmarin weg.« Ob es Hammelbraten wird, was da herauskommt, ist eine andere Frage; aber es ist sicherlich die tierfreundlichste Art, ein Lamm zu braten. Nie noch hat ein Koch daran gedacht, ein Lamm bei solcher Prozedur ausruhen zu lassen.

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Tucholsky war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt. Das ist nicht so furchtbar jung, ich betone das aber trotzdem. Zum einen handelt es sich hier um den Beginn seiner Wirkungszeit (regelmäßig publiziert er erst seit 1913, wir haben es hier also mit einem Autoren auf der Suche nach seinen Themen, Positionen und Stil zu tun), zum anderen ist die Erfahrung des ersten Weltkrieges prägend und entscheidend für seine publizistische Tätigkeit und die liegt in diesem Fall noch vor ihm.