Waffen und wie man sie anwendet

Der dritte Newsletter der Wrobelei, in dem Tucholsky über Pathos spricht, Minimalismus propagiert und seine Tochter vertont wird.

Mit einiger Verzögerung (das Real Life weigert sich manchmal, den Gesetzmäßigkeiten relevanter Online-Verpflichtungen zu gehorchen) nun zum ersten Mal in diesem Jahr Neues aus der Wrobelei:

Pathos für die Republik

Von Chairman of the Joint Chiefs of Staff from Washington D.C, United States - 210120-D-WD757-2531, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=99135529

Die Amtseinführung von Joe Biden hat für sehr viel Aufsehen gesorgt und noch während der Live-Übertragung waren sich die Kommentierenden recht schnell einig: Star der Veranstaltung war unzweifelhaft Amanda Gorman. Mit ihrem Gedicht The Hill We Climb sowie der überaus gelungenen Inszenierung und nicht zuletzt mit der Dichterin selbst zeigte sich das hiesige Feuilleton und Autoren, die sich dafür halten, stellenweise rettungslos überfordert (no Link). Das ohne Scheu vorgetragene Pathos spielte bei den Irritationen eine erhebliche Rolle. Man hat es hierzulande lieber sachlich. So sehen unsere Amtseinführungen dann auch aus. Das Thema ist nicht neu.

Mir kamen zuerst - und daher möchte ich diese mal beispielhaft hier empfehlen - zwei Texte aus dem Jahr 1922 in den Sinn: Der programmatische und wütende Text vom 13.7.1922 aus der Weltbühne Die zufällige Republik und der etwas versöhnlichere aus der Freiheit genau einen Monat später unter dem Titel Verfassungstag (übrigens ein hübsches Beispiel für Tucholskys Fähigkeit, für unterschiedliches Publikum unterschiedliche Tonlagen zu wählen).

In der Weltbühne schreibt sich Tucholsky geradezu in Rage:

Die tiefe Unkenntnis von der Psychologie des provinziellen Stammtischs ist ganz erstaunlich. Vielleicht ist es ein soziologisches Gesetz, dass man, tief im Apparat steckend, die Übersicht verliert; aber ich muß sagen, dass es jedes Mal ein trauriges Schauspiel ist, die Weltkenntnis dieser wie Öl auf dem Meer der Reaktion schwimmenden Beamten der Republik zu erleben. […] Es ist in der deutschen Republik ein Hindernis für die Karriere, Republikaner zu sein. […] Eine kleine, sadistisch-masochistische, in ihren funktionellen Lebensbeziehungen schwer psychopathische Minderheit terrorisiert das Land, das in weicher Wabbligkeit diese Qualen fast wollüstig duldet.

Bleiben die Republikaner wiederum in den Versammlungssälen und packen sie die ungetreuen Amtsdiener ihres eignen Landes nicht in den Büros, auf den Kasernenhöfen, in den Polizeiwachen, auf den Gerichten, in den Landratswohnungen, schlagen sie diese größenwahnsinnigen Recken, die von einer Welt geistig und militärisch krumm geprügelt worden sind, nicht zu Boden –: dann ist es mit dieser zufälligen Republik zu Ende.

Einen Monat später anlässlich des Verfassungstages, bei dem die Republik versuchte, sich selbst zu feiern, ist die Form milder. In der Sache bleibt er jedoch klar:

Aber ist eine solche Feier überhaupt nötig –? Haben wir keine anderen Sorgen –?

Das Kind liegt in der Wiege, und wir wollen gratulieren. Und wissen nicht, ob es denn den nächsten Geburtstag noch erleben wird. Und das schlimmste ist zweierlei: die Eltern wissen nicht, wie krank ihr Kind ist – und sie wissen nicht, wie leicht es zu kurieren ist. […]

Da helfen Verfassungsfeiern nur, wenn sie wirklich mit der ganzen Bevölkerung vor sich gehen. Dazu wäre die Möglichkeit dagewesen –: freilich nicht mit solcher kümmerlichen Vorbereitung, wo der Apparat wieder stärker war als der Zweck. […]

Es gibt schon ganz weite Schichten, die unbedingt hinter der republikanischen Staatsform stehen – man hat sie nur nicht recht zu erfassen verstanden. Wie man ja überhaupt eine Propaganda macht, die keinen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken imstande ist.

Es ist eine der bittersten Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts, dass Demokratien keine natürlichen Gesellschaftsordnungen sind - sie müssen von ihren Bügerʔinnen getragen werden. Kann es dabei ein Zuviel an Pathos geben? Zumindest dem jüngeren Tucholsky scheint es dabei nicht unbedingt auf die feine Klinge anzukommen, wenn er in Die zufällige Republik schreibt:

Wenn man auf Massen einwirken will, muß man unbedenklich, demagogisch, völlig subjektiv und hemmungslos arbeiten.

Die Last des Besitzes

Sich von der Menge des eigenen Besitztums überfordert zu fühlen, ist definitiv ein First World Problem. Ich kann mit den meisten Ratschlägen in dieser Hinsicht wenig anfangen, ganz besonders wenig mit den eigenartigen Ideen einer Marie Kondo. Die Idee, dass Menschen Dinge besitzen könnten, weil sie in ihnen Werkzeuge für mögliche Situationen sehen, scheint mir durchaus beachtenswert. Stellvertretend dazu dieser klassische Ernie & Bert-Clip

Aber klar, Werkzeug, das dann nicht aufzufinden ist, wenn man es braucht, ist auch nicht so super hilfreich. Was mich allerdings irritiert, ist diese an beide Enden der Skala reichende Verknüpfung von Besitz und Glück, die weiterhin vorherrscht:

Für Lina Jachmann ist die Frage nach den Dingen, die sie glücklich machen, zentral. Sie ist Minimalistin und besitzt ausschließlich Sachen, die ihr wirklich wichtig sind – den Rest hat sie aussortiert.

heißt es zum Beispiel im Beitrag von Sebastian Spalleck, der damit den Podcast Smarter Leben anteasert. Das Thema findet sich auch bei Tucholsky, der ein Leben führte, dass in Sachen Mobilität sich vor den heutigen als modern empfundenen Lebensstilen nicht verstecken braucht. Das beeinflusst natürlich den Blick auf Besitzstände. Jedenfalls beschreibt er in Das kann man noch gebrauchen –! 1930 eine Szene, die mir nicht sehr gestrig scheint:

Denn nur bei einem Umzug oder, was dem nahe kommt, bei einem Brandunglück entdeckt die Familie, was sie alles besitzt, was sich da alles angesammelt hat, wieviel man ›aussortieren‹ muß, müsse, müßte ...

Auf dem Boden, im Keller und in heimtückisch verklemmten Schubladen ruht der irdische Tand. […] Manchmal sucht die Hausfrau etwas – dann stößt sie auf einen Haufen Unglück. Sie verliert sich darin, taucht unter, kommt erst spät zu Mittag wieder hervorgekrochen, staubbedeckt, mit rotem Kopf und abwesenden Augen, wie von einer Reise in fremde Länder ... »Denk mal, was ich da gefunden habe! Paulchens ersten Schuh!«

Überhaupt ließt sich der ganze Text durchaus so, als könnte er auch heute problemlos untergebracht werden:

Merk:

In neunundneunzig Fällen von hundert lohnt es sich nicht, ein Ding aufzubewahren. Es nimmt nur Raum fort, belastet dich; hast du schon gemerkt, dass du nicht die Sachen besitzt, sondern dass sie dich besitzen? Ja, so ist das.

Mir besonders in Erinnerung geblieben seit meiner ersten Lektüre ist aber der Merksatz

Was nicht griffbereit ist, was man nicht nachts um zwei Uhr finden kann –: das besitzt man nicht. Das liegt bloß da.

Und da hat er wohl Recht.

Worte sind Waffen

Schon am 27. November 2020 versuchte sich Moritz Scheidel in einer Kolumne bei der Saarbrücker Zeitung an einem Tucholsky-Zitat. Das ist wieder ein hübsches Beispiel dafür, dass es mit der Entkontextualisierung von Zitaten - mögen sie auch noch so pointiert sein - so eine Sache ist. Scheidel verwendet den Satz Worte sind Waffen und fordert damit zu Zurückhaltung im Meinungsstreit auf. Das ist aber nicht einmal annähernd das, worum es Tucholsky im zugehörigen Text geht. Zunächst einmal ist das Zitat falsch. Korrekt lautet es Sprache ist eine Waffe und stammt aus dem Text Mir fehlt ein Wort, den treue Newsletter-Leser:innen bereits kennen. In diesem Text ringt Tucholsky um präzise Formulierung und fordert diese ein. Die Passage um das Zitat lautet:

Wenn Upton Sinclair nun auch noch ein guter Schriftsteller wäre, dann wäre unsrer Sache sehr gedient. Wenn die pazifistischen Theaterstücke nun auch noch prägnant geschrieben wären, dass sich die Sätze einhämmern, dann hätte unsre Sache den Vorteil davon. Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf. Wer schludert, der sei verlacht, für und für. Wer aus Zeitungswörtern und Versammlungssätzen seines dahinlabert, der sei ausgewischt, immerdar.

Das ist kein Plädoyer für sprachliche oder inhaltliche Abrüstung. Das ist die Forderung nach scharfen Waffen. Der Schreiber dieser Zeilen ist sich im Übrigen sicher, bei Tucholsky stets durchzufallen - denn Prägnanz und Klarheit ist nun meine Sache nicht…

Für die Ohren

Mascha Kaléko gehört unzweifelhaft in jeglichen lyrischen Kanon. Trotzdem ist die Begeisterung für sie durchaus Wellen unterworfen und so wird sie regelmäßig wiederentdeckt. Das gilt nicht nur für die Allgemeinheit, sondern es scheint auch Lebensphasen zu geben, in denen Kaléko besonders anspricht und so hat jede Generation ihre Kaléko-Phase. Obwohl Zeitgenossen und mit durchaus überschneidenden Schaffensphasen gibt es kein Zeugnis dafür, dass Tucholsky sie gekannt hat. Theoretisch denkbar wäre es, aber der Beginn ihrer Berliner Schaffensphase fällt mit Tucholskys dauerhafter Abwesenheit aus Deutschland zusammen und es ist daher nicht unbedingt wahrscheinlich, dass er sie wahrgenommen hat.

Umgekehrt ist es ganz anders. Kaléko kannte Tucholskys Werk sehr gut und inszenierte sich, zumindest zeitweise, als metaphorische Tochter Tucholskys. Zu dieser Autorinneninszenierung empfehle ich den einführenden Beitrag Wendriner in Manhattan von Dr. Julia Meyer im Sammelband Ein bunt angestrichnes Irrenhaus [Print-Kauflink | kostenlos als pdf], dort S. 28-50.

Etwas überrascht war ich, als Dota Kehr bei einem Konzert 2018 erzählte, dass sie erst vor Kurzem mit Mascha Kaléko in Berührung gekommen war. Ich verfolge ihre Arbeit schon seit vielen Jahren (da hieß sie noch Kleingeldprinzessin) und hatte angenommen, sie müsste Kaléko schon lange und intensiv gelesen haben.

Jedenfalls dürfen wir uns alle glücklich schätzen, dass sie so stark von Kaléko beeindruckt war, dass sie ein Album mit Vertonungen veröffentlichte. Und das solltet ihr alle kennen, hören und vielleicht sogar besitzen (und dann auch nachts um zwei finden können).

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